Moin,
ich greife das Thema hier mal auf.
Die ganzen Überlegungen dahinter sind nicht neu. Ich kann jetzt nur spekulieren, dass wir in den alten Deguforen schon solche Diskussionen hatten, im Degupedia-Forum fand ich
eine Diskussion aus dem 2008.
Was mir aufgefallen war bei dem Thema, es ist eigentlich schon lange bekannt, dass die ganze Sache auf Feldforschung von Professor Fulk zurückgeht und es ist eigentlich immer sinnvoll, wenn man einen Mythos oder eine Erzählung auf seinen Ursprung zurückführen kann. Ich war nun so frei die entsprechende Passage herauszusuchen, allerdings ohne es zu übersetzen (falls Freiwillige da übernehmen möchten...). Fulk spricht jedenfalls von zwei Beobachtungen, einmal von einem Degu, der Steine, Kuhdung und Stöckchen/Zweige zu einem Haufen aufhäuft und ein andermal ein Degu, der so einen Hügel gebaut hat, neben ihm sonnt und dieser Hügel wird zerstört. Bei folgenden Beobachtungen verliert der Hügel besitzende Degu offenbar seinen Rang, ein junger Degu macht ihm den Rang streitig, dringt in sein Revier, kann sich aber offenbar nicht halten. Etwas später hat ein anderes, fremdes Männchen die Stelle des Hügel besitzenden Männchens eingenommen. Das klingt alles jetzt ein bisschen weniger spektakulär als Degus, die "Feldherrenhügel" bauen und wenn man ihnen diese zerstört, verlieren sie ihren Rang. Da schwingt also auch viel Spekulation mit.
Was ist nun dran am Mythos? Mir fallen da gleich mehrere Probleme auf:
1. Das Problem mit dem Feldherren- oder FeldherrInnenhügel
Gehen wir nochmals auf die Arbeit von Fulk und seine Originalbeschreibung zurück, schreibt er nirgendwo etwas von Feldherrenhügel, sondern er schreibt von "mound", also Hügel/Haufen. Könnte man nicht einfach bei diesem Begriff bleiben? Bauen nun also Degus Hügel/Haufen aus Steine, Stöcke und anderem Material, das in ihrer Umgebung so herum liegt? Einfache Frage, die nicht etwas in den Begriff Hügel/Haufen hineinzuinterpretieren, was vielleicht gar nicht da ist.
2. Das Problem mit dem Beobachten
Zäumen wir das Pferd andersrum auf, fragen wir uns, wie müsste eine Deguhaltung aussehen, welche den Degus es leicht machen würde, solche Hügel zu bauen? Welche Anreize könnte es für Degus geben, solche zu bauen? Vielleicht wollen sie flaches Land besser überschauen können? Dann wären vielleicht klassische Gehege dem instinktiven Trieb solche Hügel zu bauen eher abträglich? Wie müsste ihre Umgebung beschaffen sein, dass sie animiert werden, solche Hügel zu bauen? Natürlicher Untergrund aus sandigem, ggf. auch humosem, aber doch eher durchlässigem Boden? Sollten sie Höhlen/Gänge bauen können/wollen? Ist das Gelände ihres Geheges gross genug von der Grundfläche, dass sie vielleicht längere Wechsel anlegen können aus Pfade und unterirdischen Gänge? Wir wissen aus der Literatur, dass Degus längere oberirdische Wechsel haben und dazwischen gibt es teils kurze Stücke, die unterirdisch durch einen kleinen Bau/Gang führen, der als Schutz/Versteck dient. Und dann wäre da noch die Frage, spielt vielleicht die Familienstruktur auch einen Einfluss, ob solche Hügel gebaut werden? Angenommen es handelt sich um ein Statussymbol, dass es vielleicht hilft sich gegenüber konkurrierenden Männchen zu behaupten, zeigt sich dann vielleicht dieses Verhalten deshalb nicht, weil sie diese Konkurrenzsituation mit anderen Männchen nicht haben?
3. Das Problem mit der Datenbasis
Zu den besten Zeiten hatte das Deguforum eine beachtlich grosse Anzahl an Nutzer und entsprechend viele Beobachtungen gab es und das war damals unser Datenpool. Der war damals also unvergleichbar grösser, als er nun heute ist. Wenn ich also auch die älteren Beiträge zu diesem Thema heranziehe, fällt auf, dass es einige Beobachtungen gibt, die unter anderem im alten Deguforum von Leuten beschrieben wurden. Leider hatte ich diese meist nur in groben Zügen umschrieben. Was da also genau in den einzelnen Fällen beobachtet wurde, wissen wir leider nicht mehr, da die alten Deguforen weg sind, aber wir haben immerhin die Erkenntnis, dass auch in Gefangenschaft Verhalten beobachtet wurde, dass Degus solche Hügel bauen.
Mein Fazit:
Aus all dem, was ich mir zu diesem Thema angesehen habe, bin ich zum Schluss gekommen, dass nicht der Hügel der Mythos sein muss, sondern dass man ihn Feldherrenhügel nennen muss, wodurch der Begriff mit einer Bedeutung aufgeladen wird, die vielleicht gar nicht da ist.
Die zweite wichtige Erkenntnis, die ich aus diesem Mythos gewonnen habe, wenn wir diese Hügel beobachten wollen, kann uns die Frage helfen, unter welchen Umständen würden Degus denn solche Hügel bauen und wenn wir versuchten, das besser zu berücksichtigen, wäre das wahrscheinlich sogar ein interessanter Ansatz, wie wir bessere Gehege bzw. Käfigeinrichtungen für unsere Degus umsetzen könnten. Das würde dann wohl heissen, weniger in die Höhe bauen, mehr die Fläche nutzen, vielleicht eher sowas wie Zimmerhaltung oder was Maickel mit seinen Kellerkindern machte... oder halt eben Aussenhaltung gleich mit natürlichem Substrat als Boden, mit Pflanzen, mit dem ganzen Programm. Letzteres hatte ich ja ausprobiert, leider auf weniger Fläche als ich gerne gehabt hätte, aber nur schon mein bescheidener Versuch war grossartig und wunderbar zu beobachten. Steinhügel konnte ich zwar keine beobachten, vielleicht war da das Gehege zu klein, vielleicht war auch meine Beobachtungszeit zu kurz, hatte ich das Gehege leider nur wenige Jahre in Betrieb, aber ich hatte beispielsweise auch Steine schleppende Degus und die hätten vielleicht in einer solchen Aussenhaltung interessantes Verhalten gezeigt.
Dass Degus Stöcke und Nestmaterial usw. durch den Käfig transportieren, das konnte ich auf jeden Fall auch beobachten und Hügel bauten sie vermutlich auch, aber da jetzt hinterher über viele Jahre Erinnerung noch klare Aussagen zu treffen, ist letztlich schwierig, es sei denn, ich hätte irgendwo konkrete und genaue Beobachtungen damals notiert und könnte darauf zurückgreifen. Das Verhalten des Hügelbaus läge also durchaus im erwartbaren Verhaltensspektrum der Degus. Wenn wir uns aber Gedanken über Motivationen dahinter machen wollen, dann wird die Luft schnell sehr dünn. Sicher kann mit passenden Beobachtungen so etwas wie Besitzanzeig durch Hügelbau unterstützt oder in Frage gestellt werden oder ob diese Hügel als Ausguck genutzt würden, was einen "Feldherrenhügel"-Begriff am ehesten noch rechtfertigen würde.
Daher: Hügel? Ja. Feldherr? Wohl eher nein.
Aber: Gestalten wir ihre Gehge so, dass es sie anregt solche Hügel bauen zu können, wenn sie es denn wollen.